15.05.2022. PEN-Eklat. „Warum ich froh bin, dass er dem PEN nicht mehr vorsteht.“ Michael Landgraf im suewpress.de-Interview zu Deniz Yücel.

Michael Landgraf aus NW war Versammlungsleiter bei der Bundesmitgliederversammlung des PEN in Gotha ...

Michael Landgraf aus NW war Co-Versammlungsleiter bei der Bundesmitgliederversammlung des PEN in Gotha ...

Von Robert Wilhelm.

GOTHA. NW. Zu einem Eklat kam es am Freitag bei der Bundesmitgliederversammlung des Schriftstellerverbandes PEN in Gotha. Der erst vor 7 Monaten ins Präsidentenamt gewählte Journalist Deniz Yücel sah sich einem Abwahlantrag gegenüber, den er mit hauchdünner 2-Stimmen-Mehrheit überstand. Es kam zu einem lautstarken Verbal-Krieg. Der gerne streitende Yücel, der wegen seiner Berichterstattung etliche Monate in einem türkischen Gefängnis einsaß, bekannte sich in seiner Funktion als PEN-Präsident klar zu Waffenlieferungen an die Ukraine. Fünf Ex-Präsidenten sahen das allerdings anders und forderten seinen Rücktritt. Wenige Stunden später schmiss Yücel, trotz gewonnener Abstimmung, den Bettel hin und verließ die „Bratwurstbude“ PEN. Co-Versammlungsleiter war Michael Landgraf. Der Autor und Schriftsteller aus NW ist eines von 2 pfälzischen Mitgliedern des PEN international. Wir haben mit ihm gesprochen.

Michael Landgraf aus NW war Versammlungsleiter bei der Bundesmitgliederversammlung des PEN in Gotha ...

Michael Landgraf aus NW war Co-Versammlungsleiter bei der Bundesmitgliederversammlung des PEN in Gotha ...

... wo es zum Eklat mit dem PEN-Präsidenten Deniz Yücel und dessen anschließenden Rücktritt kam. Fotos. Landgraf. Thomas Kriechel. Frei.

... wo es zum Eklat mit dem PEN-Präsidenten Deniz Yücel und dessen anschließenden Rücktritt kam. Fotos. Landgraf. Thomas Kriechel. Frei.

Von links. Dominik Riedo, Tanja Kinkel, Sophie Sumburane und Michael Landgraf. Die vier teilten sich die Versammlungsleitung. Am Rednerpult der neu gewählte Präsident Josef Haslinger. Foto. Andreas Rummler. Frei.

Von links. Dominik Riedo, Tanja Kinkel, Sophie Sumburane und Michael Landgraf. Die vier teilten sich die Versammlungsleitung. Am Rednerpult der neu gewählte Präsident Josef Haslinger. Foto. Andreas Rummler. Frei.

Herr Landgraf, Sie waren am Freitag bei der Mitgliederversammlung des PEN Deutschland in Gotha. Riechen Sie gerne nach Bratwurstbuden-Fett?

Ich traf in Gotha eine Einheimische, die das Zitat Deniz Yücels über den PEN aus den Nachrichten kannte, und die mir lächelnd sagte, dass das in Thüringen eine Ehre sei! Aber im Ernst: Diese Beschimpfung war nur eine von vielen, die der Ex-Präsident bereits im Vorfeld über den Verein und seine Mitglieder von sich gegeben hat. Ich hatte ihn 2019 mit zugewählt. Er hat aufgrund von Corona noch nie eine PEN-Jahresversammlung miterlebt und dann das. Gestern schüttete er sogar ein Glas Wein auf ein Mitglied und warf ihm das Glas vor die Füße – im Rahmen einer Veranstaltung, in der der Innenminister des Bundeslandes sowie der Oberbürgermeister von Gotha anwesend war. Da ist also die Bratwurstbude noch eine harmlose Titelei. Schlimmer, und für mich der Hauptgrund, warum ich froh bin, dass er dem PEN nicht mehr vorsteht, ist der Umgang mit den Mitarbeitenden in der Geschäftsstelle. Das war einer der Auslöser des Konflikts und drei Mitarbeitende haben dies auch der Versammlung vorgetragen.

Wenn der Präsident und seine Helfer weitergemacht hätten, wären welche gegangen. Die brauchen wir aber, um unser tägliches Geschäft, den Einsatz für Schriftsteller im Exil und in den Gefängnissen der Welt, durchführen zu können.

Im Ernst, wie haben Sie die Versammlung erlebt? Das war schon heftig. Contenance war da ja - was es ist - ein Fremdwort.

Der Tumult ging gleich am Anfang los, als klar war, dass der Präsident nicht fristgerecht eingeladen hatte – das weiß jeder Vorsitzende eines Taubenzüchtervereins, dass das nicht geht. Und vor allem nicht, da die Mitglieder die Anreise- und Hotelkosten selbst zahlen. Daher hatten sich Schriftsteller zu Wort gemeldet, die juristisch ausgebildet waren, um darauf hinzuweisen. Wer noch nie in einer Institution für so etwas verantwortlich war, dem war das egal. Manche Journalisten meinten, das sei ein Konflikt zwischen Jung und Alt. Das stimmt nur bedingt, die Älteren haben hier natürlich mehr Erfahrung, aber es gab auch Jüngere, die sofort verstanden, wo das Problem lag. Dass hier in den Medien dann berichtet wird, dass die Alten die Jungen blockieren würden, trifft es nicht. Das Buhen, das in den Fernsehausschnitten zu sehen war, kam, als der Präsident gleich zu Beginn seiner Begrüßung den amtierenden Geschäftsführer beleidigte. Wenn auf diese Weise einmal die Stimmung aufgeheizt ist, bekommt selbst eine erfahrene Tagesleitung das nicht mehr eingefangen.

War es Zeit, in der Ukraine-Frage Tacheles zu reden? Eingedenk, dass mein alter Professor Jochen Hörisch an der Uni MA immer predigte „Nur der Dissens gebiert Fortschritt, Konsens ist Stillstand“?

Das stand klar mehrfach auf der Tagesordnung. In einer öffentlichen Veranstaltung, sinnigerweise im Schloss Friedenstein in Gotha, wurde dies mit Deniz Yücel und Johano Strasser, mit Eva Menasse und Svenja Plaßböhler sowie Marjana Gaponenko diskutiert. Für PEN-Mitglieder Tacheles reden bedeutet, die PEN-Charta zu beachten, dass Kriegsrhetorik nicht angesagt ist. Daher haben wir auch untereinander diskutiert und per Abstimmung Positionen ausgeschlossen, die in Gefahr stehen, den Überfall Putins auf die Ukraine zu verharmlosen. Dissens gibt es im PEN übrigens immer, da sind meinungsstarke Typen beisammen. Und natürlich diskutiert der PEN immer über aktuelle Themen. Doch ist die mediale Aufmerksamkeit wohl anscheinend nur dann voll da, wenn ein Skandal angesagt ist.

Was ist eigentlich Ihre Meinung in der Frage, Waffenlieferungen an die Ukraine gut zu heißen oder sie abzulehnen?

Die Ukrainische Schriftstellerin Gaponenko hat bei der Podiumsdiskussion mein Dilemma gut auf den Punkt gebracht: Wir Deutschen sind gespalten zwischen der historischen Pflicht, dass nie wieder Krieg von uns ausgehen soll, der Pflicht, Menschen in Not beizustehen und dem Recht, das wir jedem auf Selbstverteidigung zugestehen. Ich bin froh, die Entscheidung nicht treffen zu müssen und habe daher Verständnis für den vorsichtig agierenden Bundeskanzler. Mit meinen Mitteln aber habe ich zu einer Zeit, als manche Institutionen den Krieg noch halbherzig "Konflikt" benannten, die Erklärung von 1000 Schriftstellern weltweit mit unterschrieben, die hier den Überfall und Aggressor klar benennt.

Deniz Yücel stemmt sich erst mit aller Macht gegen seine Abwahl, siegt ganz knapp, um dann kurz danach als beleidigte Leberwurst hinzuschmeißen - um im Sprachgebrauch der Hausmannskost zu bleiben. Was halten Sie von dieser Reaktion? Trotz oder letztlich doch konsequent?

Der Ex-Präsident, der im Herbst noch 4/5 aller Stimmen auf sich vereinigen konnte, kam gerade mal mit zwei Stimmen Mehrheit durch. Für mich wäre das bereits ein Grund zum Rücktritt gewesen, da ein Präsident, also ein „Vorsitzender“ eines Vereins, das Vertrauen eines Großteils seiner Mitglieder haben sollte. Sein Verständnis des Präsidentenamtes war aber anscheinend immer schon ein direktives. Die beschriebene Reaktion kam, als seine rechte Hand, der Schatzmeister, abgewählt wurde. Geplant wirkte der Rücktritt des Präsidenten auf mich nicht. Danach teilte er in den Netzwerken kräftig aus, kontaktierte viele seiner Pressefreunde, die nur seine Position wiedergaben, drohte, dass er den Bundesministerien raten würde, die Förderung, die der PEN treuhänderisch für Schriftsteller im Exil erhält, anderen zukommen zu lassen, und er nannte die PEN-Mitglieder rassistische alte Männer. Dabei war es gerade ein sehr bekanntes türkischstämmiges weibliches PEN-Mitglied, das uns nach seiner Wahl prophezeite, was auf uns zukommt.

Was denken Sie, wird nun im oder gar mit dem PEN passieren?

Wir haben nach dem Abgang Yücels ein tolles Übergangspräsidium mit Josef Haslinger an der Spitze gewählt, einem der besten Präsidenten der letzten Jahrzehnte. Mit ihm sind es ein Mann und vier Frauen, darunter Astrid Vehstedt, die bereits zuvor als Vize-Präsidentin das Writers in Exile-Programm mit der Bundesregierung durchführte. In kurzer Zeit wählen wir wieder ein ordentliches Präsidium. Auch wenn ein paar digital zugeschaltete große Schriftstellernamen, die teils noch nie einer PEN-Tagung teilgenommen haben, hier lautstark den PEN in Zweifel ziehen, bin ich mir sicher, dass die wichtige Arbeit, sich um die Literatur im Land, um die Schriftsteller bei uns im Exil oder in den Gefängnissen der Welt zu kümmern, ungebremst weitergehen wird. Der PEN ist mit seinen 101 Jahren als NGO älter als Amnesty International und immer noch die renommierteste Schriftstellervereinigung der Welt. Er wird es auch ohne einen Präsidenten, der sich auf diese Weise präsentiert und die kürzeste Amtszeit der Geschichte des PEN hatte, bleiben.

Herr Landgraf, vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person.

Michael Landgraf ist Leiter einer Fortbildungseinrichtung und Autor von über 100 Titeln, darunter Romane, Sach- und Kinderbücher. Er ist mit 35 Übersetzungen der meistübersetzte Schriftsteller des Bundeslandes, ist im Vorstand des Schriftstellerverbandes Rheinland-Pfalz und einer von zwei in der Pfalz lebenden Autoren, die in den internationalen PEN-Club aufgenommen wurden. Landgraf war bei der Mitgliederversammlung des PEN in Gotha vom 13. bis 14. Mai zeitweise Co-Tagungsleiter und Moderator.

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