Vorweg. Kron-Schmalz' Vortrag war fachlich exzellent. Sie erklärte Zusammenhänge und Zwänge Russlands mit Blick auf sich und den Westen. Mit vielen richtigen Ansätzen und wohl auch Wahrheiten. Aber verschwieg auch Etliches. Wohl sehr bewusst. Bei dieser geschliffenen Rede. Dabei fast in einem Atemzug erwähnte sie, dass der Bürger für den Bestand der Demokratie von der Politik von oben erreicht und mitgenommen werden müsse. Und dass gestritten werden sollte. Aber anständig und fair. Und Journalismus dabei eine gewichtige Rolle spiele. Gleichwohl gab sie Putin durch ihren Vortrag nahezu einen Freibrief für seine Diktatur.
Dann kam die rosa-rote Brille. Keinerlei Kritik.
Denn beim eigentlichen Thema Russlands/Präsident Putins Rolle in der Welt und in Europa blendete die Journalisiten einiges komplett aus. Beziehungsweise unterließ es im Umkehrschluss, zu verurteilen, war schier an der Grenze, es zu rechtfertigen: Putin als Mann an der Spitze Russlands als solchen zu benennen, der die Ukraine überfallen hat. Die Korruption in Russland und das ganze Oligarchen-System seien ja durch die Förderung des ehemaligen Präsidenten Boris Jelzin entstanden, „Er (Jelzin, Anm. d. Red.) hat das Land quasi verschenkt“ und, und und ...
Kein Wort über Kritiker. Kein Wort über Nawalny.
Kein Wort darüber, warum Putin diese Zustände bis heute nicht bekämpft, sondern sich in gold-bewehrten Mauern des Kremls und auf seiner Millionen-Euro-Yacht erst Recht von den Oligarchen feiern lässt. Während die, die den Mund aufmachen im Gefängnis sitzen. Warum Kritiker, die flüchten mussten, in Deutschland oder England russischen Geheimdienstanschlägen zum Opfer fallen. Oder zum Tschetschenien-Krieg? Kein Wort. Darüber. Nichts.
Der Name des in einem sibirischen Steppen-Gefängnis der Verrottung preisgegebenen Regime-Kritikers Nawalny fiel in über einer Stunde Verständnisrede für Russlands Eigenansicht kein einziges Mal. Im vergangenen Jahr hingen noch große Banner im Haus des Gastes mit dem Namen des inhaftierten Journalisten und Wiki-Leaks-Gründer Julian Assange (Australien) und dem Appell, ihn endlich aus dem britischen Gewahrsam zu entlassen. Auch die massive Unterdrückung der Opposition in Russland. Kein Wort darüber. Und der Ukraine-Krieg wurde eigentlich letztlich nur am Rande erwähnt.
Russland. Das Opfer?!
Der Vortrag von Kron-Schmalz war in der Tat eine rhethorische, in weiten Teilen klar dargelegte Analyse des Verhältnisses Russlands und seines Umfeldes. Aber inhaltlich? Puh. Es kommt immer auf den Blickwinkel an. Letztlich war es unterm Strich eine Beweihräucherung des ach so geschundenen armen Mütterchen Russland. Durch den Westen. Federführend durch die USA in einem Stellvertreter-Krieg.
Die Amerikaner unterhielten über 800 Militärstützpunkte welweit, Russland gerade mal 14. Sogar der US-Geheimdienst CIA sei derzeit mit mehreren Büros an der ukrainischen Grenze zu Russland präsent. In diesem Zusammhang. Den USA ginge es nur darum, Russland auf Dauer zu schwächen, so die Journalistiin und bezog sich dabei auf die Aussage des Außenministers Kerry unter dem damaligen US-Präsident Obama.
Das Schuld-Bild.
Unter anderem werde immer nur Russland selbst und damit Putin als Schuldiger ausgemacht. Nach dem Zerfall der Sowjet-Union wurden etliche, sich selbstständig gemachte Teilrepubliken von jedem Schatten freigesprochen. Georgien oder die Ukraine, etc. Immer nur Russland, so die Journalistin.
Der Blick auf sich selbst.
Zum Verständnis, wie sich die Russen selbst sehen würden und damit deren Blick auf die Welt erklärend. Laut Kron-Schmalz habe es „3 Revolutionen“ in jüngeren Jahren nach der Auflösung der Sowjet-Union gegeben. 1. Von der Plan- in die Marktwirtschaft. 2. Vom Kommunismus in die Republik. 3. Die Reduzierung auf den Nationalstaat Russland alleine.
Zu Präsident Putin. Und „westlichen Fehlern“.
In dieser Umbruchzeit sei Putin auf den Westen/Europa zugegangen, hat im Bundestag 2001 in Berlin eine Rede gehalten, mit dem Angebot der Zusammenarbeit. Er habe zahlreiche Versuche unternommen und Angebote an den Westen gemacht. Nichts. Stattdessen erfolgte die „Dämonisierung“ Russlands. Das seien die „westlichen Fehler“, insbesondere die In-Aussicht-Stellung für die Aufnahme der Ukraine in die Nato. Überhaupt sei die Nato-Ost-Erweiterung insgesamt ein Fehler gewesen. Der größte seit dem 2. Weltkrieg. Russland fühle sich schlichtweg eingekreist. Mit der möglichen Aussicht, die Ukraine, in die Nato aufzunehmen „war für Russland die Schmerzgrenze überschritten“. Es gehe Putin im Ukraine-Krieg um eine Sicherheits-Strategie für das eigene Land, was seine oberste Prämisse sei.
Der Ukraine-Krieg.
Und ja. Da war noch was. Der Krieg in der Ukraine sei schlimm. Die Toten, Verwundeten und die Zerstörung. Aber. Es seien die USA, die die Welt permanent umgestalten wollten. Europa mache da einfach mit, obschon es doch im eigenen Interesse Europas sein müsste, mit Russland zusammenzuarbeiten. Immer mehr Ukrainern dämmere es mittlerweile, dass man ihnen nur helfen könne, wenn der Krieg beendet werde, so Kron-Schmalz.
Standing Ovations. Im rappelvollen Saal.
Im Netz.
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