„Eine Erfahrung von abgründiger Ohnmacht und beschämender Entmachtung.“
Seine Predigt verknüpfte Wiesemann mit dem Fest Mariä Geburt, das vor wenigen Tagen begangen wurde, und das auch eng mit seiner persönlichen Biografie verbunden ist: „Vor 24 Jahren wurde ich an diesem Fest im Paderborner Dom, meinem Heimatdom, zum Bischof geweiht." Auch für den Speyerer Dom, der Maria geweiht ist, habe das Fest eine große Bedeutung. Es wolle „bis in die biographischen Wurzeln, in den Stammbaum zurückverfolgen, dass Gott Geschichte selbst nach tiefstem Versagen und größter Schuld ein für alle Mal neu öffnet", so der Bischof em..
Wider die Versuchung des Rechtspopulismus.
Gerade in Zeiten großer Verunsicherung sei die Versuchung groß, „sich durch Glorifizierung der Vergangenheit immun zu machen gegen die Zumutungen der Gegenwart". Während seiner krankheitsbedingten Auszeit vor fünf Jahren habe er, so Wiesemann, mühsam und gleichermaßen heilsam gelernt, wie selbstzerstörerisch sich solch ein Panzer rückwärtsgewandter Lebensfixierung auswirken könne. „So bin ich schon allein durch die unausweichliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben gegen den tödlichen Virus des universalen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus unserer heutigen Tage geimpft worden."
Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs.
Einen großen Teil seiner Speyerer Amtszeit begleitete Bischof em. Wiesemann die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs. Unvergesslich seien die Gespräche mit Betroffenen, führte er in seiner Predigt weiter aus. „Der Einblick in diesen Raum schambehafteter Verwundung, der mir gewährt wurde, war für mich eine Erfahrung von abgründiger Ohnmacht und beschämender Entmachtung, die nicht nur die amtliche, sondern auch die ganze menschliche Dimension vollständig einbezog. Und gleichzeitig waren diese Gespräche für mich die größten und kostbarsten Lehrstunden über das, was Seelsorge und Hirtendienst bedeuten – und wozu es Kirche gerade in unserer Zeit so notwendig braucht."
Appell an die Gläubigen.
In seiner Predigt wandte sich Bischof em. Wiesemann auch direkt an die Gläubigen. „Sie haben es mir immer leicht gemacht. Mit Ihrem auch kritischen Mitgehen, mit Ihrem Wohlwollen, Ihrer Leidenschaft, Ihrem Engagement und nicht zuletzt mit Ihrer sympathischen (saar-)pfälzer Geselligkeit, Gelassenheit und Zuversicht." Ihn habe immer wieder beeindruckt, mit welcher leidenschaftlichen Kraft und innerem Wille in der Diözese trotz aller Differenzen miteinander gegangen wurde, „weil es nicht um die eigene Befindlichkeit, sondern unseren gemeinsamen, uns vom Herrn selbst anvertrauten Auftrag für die Kirche in unserer Zeit geht. Das ist dann auch mein größter Wunsch für Sie für die Zukunft: Bewahren Sie sich dieses unschätzbar hohe Gut, das alles andere als selbstverständlich ist. Auch nicht in der Kirche."
Den Menschen zugewandt.
Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz, des Bistums, der evangelischen Landeskirche, der Länder RLP und SR sowie der Stadt SP hoben in ihren Grußworten immer wieder die menschliche Seite des emeritierten Bischofs hervor. „Dich habe ich immer als einen erlebt, der das Gute will, der sich aufrichtig um die Menschen sorgt und dem jede Heuchelei, Scheinheiligkeit und Eitelkeit vollkommen wesensfremd ist", betonte zum Beispiel die evangelische Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst. „Vielleicht liegt genau darin die besondere Kraft Deines Wirkens. Dass bei Dir Person, Glaube und Amt nicht auseinanderfielen, sondern spürbar einander getragen haben. Menschen nehmen nicht nur wahr, was einer tut, sondern wofür er steht. Und es ist ihnen wichtig, dass beides für sie zusammenpasst. Bei Dir war diese Übereinstimmung spürbar."
Mit Mut für eine zukunftsfähige Kirche.
Auch die Deutsche Bischofskonferenz habe Bischof Wiesemann viel zu verdanken, wie der Vorsitzende, Bischof Dr. Heiner Wilmer, ausführte. „Dein Humor und Deine Theologie werden uns fehlen. (...) Dein einfühlsamer Brief an die Gläubigen Deines Bistums und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist ein starkes Zeugnis eines Menschen, der zutiefst ein Gott-Suchender bleibt und um seine eigenen Grenzen weiß. Sicherlich spreche ich für viele hier, wenn ich sage, dass dieser Brief eine Wegmarke Deines Lebens ist, die Du in aller Offenheit und Verletzlichkeit mit uns geteilt hast." Die Bischofskonferenz verabschiede sich „von einem großartigen Hirten seiner Herde, von einem geschätzten Theologen, anerkannten Priester und Bischof (...)"
Den zunehmenden Glaubenszweifeln der Menschen sei Wiesemann mit seiner Begeisterung für die Sache Jesu entgegengetreten, betonten die Vorsitzenden der Diözesanversammlung im Bistum SP, Theo Wieder und Dr. Isabelle Faul. „Mit wegweisenden Predigten und Beiträgen haben Sie Ihre Aufgabe als Bischof darin gesehen, für die Gestaltung der Kirche Jesu Christi die Zeichen der Zeit zu erkennen und die Menschen Ihres Bistums immer wieder auf das Wesentliche hinzuweisen", so Wieder. Dr. Faul ergänzte „Mit großem Mut und tiefer innerer Überzeugung haben Sie sich für Veränderungen in der Kirche eingesetzt, gerade auch in einigen schon viel zu lange diskutierten Kernthemen, wie der Frage nach der Zulassung von Frauen zu den Weiheämtern, der Aufhebung des Pflichtzölibats für Priester oder den Erwartungen der Menschen nach Modifikationen der kirchlichen Sexuallehre."
„Verlässlich, aufrecht, menschlich."
„Sie haben unserem Land gutgetan", fasste Jürgen Barke, der stellvertretende Ministerpräsident des Saarlandes, zusammen. Die letzten 18 Jahre seien von Veränderungen geprägt gewesen, in der Kirche, in der Gesellschaft, in der Welt – „in all diesen Jahren waren Sie da, verlässlich, aufrecht, menschlich." Kathrin Anklam-Trapp, Staatssekretärin der Landesregierung RLP, bezeichnete Wiesemann als einen „Bischof und Seelsorger, für den das Wohlergehen der Menschen immer an erster Stelle stand".
Dem schloss sich Stefanie Seiler, OBin der Stadt SP, stellvertretend für alle Bürgermeister und Landräte im Bistumsgebiet, an. Wiesemann habe sein Amt nie auf den kirchlichen Raum beschränkt verstanden. „Sie haben sich zu Fragen geäußert, die unsere gesamte Gesellschaft betreffen. Zu Menschenwürde und Demokratie, zum gesellschaftlichen Zusammenhalt, und zu der Frage, wie wir miteinander umgehen. Dabei haben Sie immer Haltung gezeigt. Sie haben sich öffentlich für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt eingesetzt."
Weite leben.
Diözesanadministrator Markus Magin schlug in seinen Abschiedsworten den Bogen zum 1000-jährigen Dom-Jubiläum, das im Jahr 2030 unter dem Motto „Weite leben" gefeiert wird. Dieses Motto passe nicht nur zum SPer Dom, „sondern genauso auch zu Ihnen als Mensch, wie auch zu der Art und Weise, wie Sie Ihren Dienst als Bischof von SP verstanden und gelebt haben". Wie ein roter Faden ziehe sich das Thema durch seine Verkündigung: „Der Gott Jesu Christi ist keine enge und engstirnige Krämerseele, sondern der, der uns (...) in die Weite führt. Davon haben Sie unermüdlich hier im Dom, im ganzen Bistum und darüber hinaus gepredigt", so Magin.
Stellvertretend für das Bistum überreichte Diözesan-Administrator Markus Magin ein Abschiedsgeschenk an Wiesemann. Im Jahr 2015 hatte der Bischof gemeinsam mit dem Künstler Thomas Jessen die bischöfliche Hauskapelle neu gestaltet. „Im Zentrum dieser Kapelle fällt der Blick über dem Altar auf ein Kreuz, das der Künstler nach einem historischen Vorbild gemalt hat. Wir möchten Ihnen eine Kopie dieses Bildes als Erinnerung an Ihr Bistum mit auf dem Weg geben und Sie bitten, dass wir so auch weiter im Gebet verbunden bleiben", so Magin. Text. is.