Detlev Kunz. Er redet normalerweise nicht viel. Er schraubt, feilt, schleift und tüftelt. An Fahrrädern in seinem Geschäft. Das ist seine Welt. Ein bescheidener, angenehmer Zeitgenosse. Und doch ein Freigeist, für den sich nun familiär endlich alle Kreise geschlossen haben.
Wie alles begann.
Ganz von Vorne. Detlev ist gebürtiger Sachse. In Leipzig zur Welt gekommen. Vor über 60 Jahren. Rote Zone. Die DDR lädt viele junge Menschen aus kommunistischen Ländern ein, in Ostdeutschland zu arbeiten, zu studieren und auf Zeit zu leben. Einer von ihnen ist Rolando Alfaro. Sein Vater. Er kam vor 64 Jahren als Student aus Kuba nach Leipzig. Und er lernte eine junge Frau kennen. Edith Kunz. Heute 94 Jahre alt und freudig fit.
Es kam, wie es kommen musste. Beide haben sich ineinander verliebt. Diesen anderen Umständen entsprang Detlev Kunz. Das half aber zu jenen Zeiten alles nichts. Es galten rigide Regeln. Vater Rolando musste nach seinem zeitlich begrenzt festgelegten Aufenthalt in der DDR zurück nach Kuba. Mutter und Sohn blieben alleine zusammen zurück.
Zerstobener Funke.
Dann ein Hoffnungsfunke, der jedoch rasch zerstob. „Als ich sechs Jahre alt war, kam mein Vater noch einmal aus Kuba nach Leipzig“, erinnert sich Kunz im Gespräch. Aber nicht für lange und dann auch nie wieder.
Die Mutter lernte einen anderen Mann kennen, der nicht nur sie, sondern auch ihren Sohn Detlev in die Arme nahm, wie es eben war. Und was wir bisher geschrieben haben ist nur „etwas“ eh schon ungewöhnliche Vorgeschichte“.
Angst vor Grenzen.
Kunz. Alles andere als ein systemkonformer Zeitgenosse, kam nicht schnell genug aus der DDR raus. Geflohen in den Westen. Er hatte die Wahl. Flüchtlings-Lager oder direkt Unterkunft in Dörrenbach. Die Wahl zwischen Pech und Schwefel. Damals in seiner Denke. Detlev Kunz wollte frei sein. Kein Flüchtlings-Lager. Aber auch kein Dorf irgendwo an einer Grenze, wo vielleicht wieder Panzer standen. „Als ich erfuhr, dass Dörrenbach zwar nah an der französischen Grenze liegt, diese aber nicht rigide bewacht und kontrolliert wird, war das okay.“
Kinder ergreifen Initiative.
Dann zog Kunz vor 33 Jahren in die unterliegende kleine Kurstadt BZA und eröffnete in der Kurtalstraße seinen Fahrradladen. Der gelernte Zweirad-Mechaniker schuftete und werkelte all die Jahre. Ruhig bis März diesen Jahres. Mit dem Wissen, dass es in Kuba noch Familie gibt. Denn die mittlerweile selbst gegründete Familie wusste ebenfalls von der Verwandtschaft in der Karibik. Und ergriff die Initiative.
Die Familie machte sich auf die Suche, fand Kontakte zu den Verwandten, die alle Kuba gen Miami verlassen hatten. Übrigens wie auch alle Familienmitglieder des Namens Kunz aus Sachsen gen Westen gemacht haben. Dann der Überraschungsmoment …
„Sei mal stark. Da Draußen steht Deine Familie.“
… Man wolle den Papa doch mal mit auf eine Reise nach Florida nehmen. Dieses Frühjahr. Kein großes Palaver. Kunz flog kurzer Hand mit. Dann der Satz in der Hotel-Lobby: „Sei mal stark. Da Draußen steht Deine Familie.“ Rund 20 Leute. Onkels, Tanten & Cousinen. Darunter auch seine Halbschwester. Der leibliche Vater war bereits vor Jahren verstorben. Die Geschichte nahm ihren Lauf. Gegenbesuch jetzt in Deutschland mit vollem Sight-Seeing-Programm für die Region bishin mit der großen Familien-Re-Union in der BZAer Kettenstube in der Kettengasse. Bei Flammkuchen und Pfälzer Küche.
Das Schlusswort gilt Detlev Kunz, das alle Zufriedenheit und innerliche Bescheidenheit mit der Welt in nur vier Worten nicht besser ausdrücken kann: „Ich habe alle gefunden.“ Und dann legt er sein Gesicht in seine beiden Hände.